Richtiges Verhalten nach Unfällen mit Zahnverletzungen

10. Dezember 2015

Durch einen Unfall bedingte Verletzungen der Zähne stellen ein häufiges Ereignis dar. Erfahren Sie, wie Sie im Ernstfall eine Erstversorgung durchführen und die Zahnrettungsbox korrekt einsetzen.

Die richtige Versorgung von Zahnunfällen kann Betroffenen eine kostenintensive und belastende Anschlussbehandlung ersparen. Ausgeschlagene Zähne können, sofern sie umgehend fachgerecht gelagert werden, mit besten Aussichten auf Einheilung und Dauererhalt in den Kiefer replantiert werden. Voraussetzung dafür ist, dass die sehr empfindliche Wurzelhaut keinen Schaden nimmt. Bei falscher Lagerung tritt ein solcher Schaden innerhalb von Minuten ein. Das zeitnahe Retten ausgeschlagener Zähne in speziellen Lagerungsmedien kann das Überleben der Wurzelhaut über ausreichend lange Zeiträume gewährleisten.

Zu diesem Zweck wurde die sogenannte Zahnrettungsbox entwickelt (kleines Fläschchen gefüllt mit einer speziellen Zellnährlösung). Diese hat sich bereits seit vielen Jahren in zahnärztlichen Notfallsituationen bewährt.

Zahnrettungsbox

Unfälle mit Beteiligung der Zähne führen oft zu abgeschlagenen Zahnecken, des Weiteren sind lockere bis vollständig ausgeschlagene Zähne zu beobachten. In der Regel sind vorrangig die oberen Schneidezähne betroffen.
Die Folgen von Unfällen können die Gesichtsästhetik erheblich beeinträchtigen und zu psychischen Erkrankungen führen.

Die Erstversorgung bei einem Zahnunfall

Erstversorgung / Blutungen

Info: Die Gewebe im Mund- und Gesichtsbereich sind ausgesprochen gut durchblutet. Verletzungen in dieser Region können daher zu sehr starken Blutungen führen, die eine Verletzung meist schlimmer erscheinen lassen als sie letztlich ist. Häufig stehen Verletzte unter Schock, während sie seltener an starken Schmerzen leiden. Im Normalfall kommt die Blutung schnell zum stehen.

Wichtig: Nach Abklärung eventueller lebensbedrohlicher Verletzungen, den Betroffenen auf Verletzungen an den Zähnen untersuchen. Es muss schnell erkannt werden, ob Zähne ausgeschlagen sind.

Achtung: Bei Verletzungen im Mundbereich sofort Zahnrettungsbox holen lassen – bereits vor Befragung und Untersuchung des Verletzten. Das spart wertvolle Zeit, falls Zähne ausgeschlagen sind.

Vorgehen: Verletzten beruhigen. Mit Kompressen aus dem Notfallschrank ggf. Blut abtupfen. Schneidezähne im Ober- und Unterkiefer untersuchen. Dazu die Lippe vorsichtig mit den Fingern anheben. Wenn Zähne fehlen, sofort danach suchen und in der bereitgestellten Zahnrettungsbox aufbewahren.

Abgebrochene Zahnkronenanteile

Info: Abgebrochene Zahnkronenanteile können häufig wieder an den Zahn angefügt werden. Dies ist die einfachste, erfolgreichste und kostengünstigste Behandlungsmöglichkeit.
Voraussetzung: Die abgebrochenen Fragmente sollten nicht austrocknen.

Vorgehen: Fragmente schnellst möglich in Zahnrettungsbox einlegen.

Andere Zahnverletzungen

Info: Zähne können erschüttert oder gelockert sein (Konkussion, Lockerung) – für den Laien nicht erkennbar.
Zähne können aus ihrer Position verlagert sein (Dislokation), sie behindern dann oft das Zusammenbeißen.
Zahnwurzeln können im Knochen gebrochen sein – das ist nur im Röntgenbild erkennbar.
Der Kieferknochen kann gebrochen sein.
Das Zahnfleisch oder die Lippe können eingerissen sein.

Nicht jede Verletzung ist für den Laien zu erkennen. Auch vermutlich „leichte“ Verletzungen können zu Folgekomplikationen bis hin zum Zahnverlust führen. Die Folge sind aufwändige und teure Zahnersatzbehandlungen.

Vorgehen: Nach jedem Zahnunfall sollte ein Zahnarzt aufgesucht werden.
Neben der Abklärung von Verletzungen müssen auch mögliche Folgekomplikationen frühzeitig diagnostiziert werden. Die Dokumentation der Verletzung durch den Zahnarzt ist auch aus forensischen und versicherungsrechtlichen Gründen äußerst wichtig.

Tipps für den Notfall: Ausgeschlagener Zahn (Zahn-Avulsion)

Erstmaßnahmen

  • Zahn suchen
  • sofort in Zahnrettungsbox eingeben
  • nicht säubern oder desinfizieren
  • sofort Zahnarzt aufsuchen

Falls keine Zahnrettungsbox zur Verfügung steht, funktioniert für eine sehr begrenzte Zeit die Aufbewahrung in H-Milch, Plastiktüte oder isotoner Kochsalzlösung.
Den Zahn dann möglichst schnell in eine Zahnrettungsbox umlagern!

Replantation von Zähnen nach Unfällen

Ausgeschlagene Zähne können wieder in den Kiefer zurückgesetzt und dauerhaft erhalten werden.

Die Gewebe, die der Wurzel des ausgeschlagenen Zahnes anhaften, dürfen keinen Schaden nehmen. Nur speziell entwickelte Lagerungsmedien erhalten die Gewebe auf der Zahnwurzel am Leben. In der Zahnrettungsbox können Zähne bis zu 24-48 Stunden bei Zimmertemperatur aufbewahrt werden, ohne dass die Heilungsaussichten beeinträchtigt werden. Die Zahnrettungsbox kann bei Raumtemperatur über drei Jahre vorrätig gehalten werden.
Falsches Lagern und falsches Behandeln des Zahnes führen sehr schnell zu umfangreichem Gewebstod und zu Heilungskomplikationen. Negativ wirken sich Trockenlagern oder Aufbewahren in Wasser auf die Gewebe aus. Innerhalb von Minuten sterben sie vollständig ab. Einige andere Lagerungsmedien verlangsamen den Gewebstod, verhindern ihn aber nicht. Sie können notfalls als Zwischenlösung für begrenzte Zeit dienen:

  • Isotone Kochsalzlösung (max. 30 Min.)
  • Plastikbeutel (verhindert Austrocknen, max. 30-60 Min.)
  • H-Milch (max. 1-2 Stunden)

Graphik-Ueberlebenszeiten-in-verschiedenen-Lagerungsmedien-3

 Quelle: Knieper Projektmanagement www.zahnrettungskonzept.info

Achtung: Bei alternativer Lagerung des Zahns ist mit schlechteren Heilungsergebnissen zu rechnen. Jede Minute zählt: Der ausgeschlagene Zahn muss so schnell wie möglich in eine Zahnrettungsbox umgelagert werden.

Vorsicht: Das Lagern unter der Zunge oder in der Wangentasche birgt die Gefahr, dass der Zahn verschluckt oder gar aspiriert (eingeatmet) wird. Dies kann durchaus lebensbedrohlich sein.

Haupt-Unfallorte, wie z. B. Schulen, Turnhallen und Freizeiteinrichtungen, sollten mit Zahnrettungsboxen ausgestattet sein. In einigen Bundesländern ist dies bereits der Fall. Niedersachsen ist leider, was eine flächendeckende Versorgung angeht, noch nicht sehr fortschrittlich.

Autor Dr. Robert M. Lenz